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Die ,,Geschichte” der KAIRÓS-Jugendwerkstätten

Ausgangspunkt für die KAIRÓS-Jugendausbildung waren die Männerwerkstätten mit einem Ausbilderteam von 10 Mitarbeitern, im Jahr 1990 das größte Team der kurz zuvor gegründeten Institution.

Zu  KAIRÓS haben sich im Jahr 1990 etwa 40 ehemalige Mitarbeiter der Fundación Missio zusammengeschlossen . Es handelte sich um im sozialen Bereich tätige Personen, die mit der neuen Interventionslinie der Katholischen Kirche in Chile nach Ende der Militärdiktatur nicht einverstanden waren. Während die Kirche sich mehr auf den sozial-pastoralen Bereich zurückzog und der demokratischen Regierung die Verantwortung für die sozialen Ausbildungs- und Überlebensprojekte übertrug, waren die KAIRÓS – Gründer nicht damit einverstanden, die Menschen in den Armenvierteln sich selbst zu überlassen, bis der chilenische Staat die Lebensbedingungen der Menschen in den Armenvierteln tatsächlich verbessern würde. (Und so existiert KAIRÓS mit seinem vielfachen Aufgabengebiet bis heute….  .)

Mit der zunehmenden Konkretisierung der Zielstellung der jungen Institution KAIRÓS, die auf Erziehungs- und Bildungsarbeit festgelegt wurde, wurde klar, dass die bisherigen Männerwerkstätten, die als kleine Kooperative Waren und Dienstleistungen für den Markt produziert hatten, nicht in dieses Konzept passten, so dass eine neue Aufgabenstellung gesucht werden musste.

Zunächst waren die Männer damit beschäftigt, die Infrastruktur von KAIRÓS zu verbessern und haben den Kindergarten und die Büroräume mitrenoviert.

Für die Zukunft wurde geplant, dass die Mitglieder der ehemaligen Männerwerkstätten  nun  ihre  Erfahrung in der Berufseinführung von Jugendlichen einbringen sollten. Arbeitslosen Jugendlichen sollte durch Berufseinführungskurse in verschiedenen Bauhandwerken der Start ins Berufsleben erleichtert werden. Deswegen  wurde für die Handwerker zunächst eine pädagogische Weiterbildung notwendig, um sich der schwierigen Aufgabe zu widmen, Jugendliche für eine Berufsausbildung zu motivieren

Im Jahr 1990 fand so auch eine Ausbildung in Möbelschreinerei mit 15 Jugendlichen in der Kommune Renca im Sektor “Lo Velasquez” statt. Dies war ein schwieriges Unterfangen, da bei KAIRÓS die finanziellen Mittel knapp waren und die Arbeitslosigkeit in Chile hoch war, was den Berufseinstieg der Jugendlichen erschwerte und die Frustration erhöhte.

Im Jahr 1991 hatten dann alle Mitarbeiter des Jugendausbildungs-Teams ihre Zusatzausbildungen in den Erwachsenenbildungseinrichtungen „ILADES“ und “infocap” abgeschlossen. Für die Bereiche Tischlerei, Bauschreinerei und Elektrik stand jeweils ein Meister zur Verfügung, außerdem ein Monitor zur Herstellung von Holzspielzeug.

Die Ausbildungsaktivitäten in diesem Jahr waren vielseitig. Das Team kam da zum Einsatz, wo es gebraucht wurde, es war eine Phase des Ausprobierens und des Sammelns von Erfahrungen. So wurden in der Kommune Quinta Normal 12 geistig behinderte Jugendliche in Möbelschreinerei ausgebildet und in der Kommune Renca fand ein Kurs zur Elektro-Installation für 15 Frauen statt, der die ,,Selbsthilfe-Fähigkeit” der Frauen im Haus steigern sollte.

In diesem Jahr wurden auch zum ersten Mal Jugendliche in Pudahuel ausgebildet, der Kommune, wo die Jugendwerkstätten schließlich für einige Jahre ihren Sitz haben sollten. 30 Jugendliche aus der Grund- und Hauptschule ,,Ciudad  Educativa”, im Alter  von 13 bis 17 Jahren nahmen an Berufseinsteigerkursen als Möbeltischler, Elektroinstallateur oder in der Herstellung von Holzspielzeug teil.

Die Schule mit den künftigen Werkstatträumen liegt in einem der ärmsten Sektoren der Kommune Pudahuel, einem Sektor mit großen sozialen Problemen, von denen die Jugendlichen am meisten betroffen sind. In der Schule “Ciudad Educativa” („erzieherische Stadt”) lernten diejenigen Jugendlichen, die wegen ihres Verhaltens oder ihrer schulischen Leistungen und der finanziellen Situation ihrer Familien in anderen Ausbildungseinrichtungen nicht unterkommen konnten.

Im April 1992 konnte die Teilnehmerzahl auf 70 Jugendliche in drei neuen Ausbildungsgruppen in den bereits bekannten Fächern Elektroinstallation, Möbelschreinerei und Tischlerei ausgedehnt werden. Durch den großen Zulauf und die Notwendigkeit, in Zukunft noch mehr Jungen und Mädchen über einen längeren Zeitraum hinweg auszubilden, ergab sich die Idee, ein Ausbildungszentrum in diesem Sektor zu bauen, da die Räumlichkeiten, die KAIRÓS von der Schule zur Verfügung gestellt wurden, nicht ausreichten.

Nach siebenmonatiger Bauzeit konnte am 30. November 1993 das neue Werkstatt- und Unterrichts-zentrum in Pudahuel auf einem Gelände, das von der Schule zur Verfügung gestellt wurde, eingeweiht werden. Mitgeholfen, dass diese Räume zustande kommen konnten, hatten 30 Mädchen und Jungen aus der Schule und dem Viertel, sowie eine Gruppe von der Evangelisch­ – Methodistischen  Kirche  Köln.  Gebaut wurden drei  Arbeits- und Unterrichtsräume von insgesamt 180 Quadratmetern.

Nach den Sommerferien konnten so im März 1994 80 Jugendliche in vier Ausbildungsgruppen betreut werden. Unterrichtet wurden die Fächer Möbel- und Bauschreinerei, Hauselektrik und Schweißen. Außerdem wurden Workshops in Persönlichkeitsentwicklung, Bewegungstherapie, Theater und Holzspielzeug angeboten.

Im gleichen Jahr konnte das Zentrum schon erweitert werden. Es entstanden ein neuer größerer Raum, ein Büro und eine Küche. Außerdem wurde KAIRÓS in diesem Jahr von SENCE, dem Ausbildungsfonds des chilenischen Arbeitsministeriums, als technische Ausbildungsorganisation anerkannt.

62 Jugendliche und junge Erwachsene haben 1995 ihre Ausbildung abgeschlossen und SENCE-Zertifikate für die erfolgreiche Teilnahme erhalten. Außerdem haben in diesem Jahr Frauen in einer besonderen Ausbildung die Herstellung von Holzspielzeug erlernt.

Parallel zur handwerklichen Ausbildung waren auch Persönlichkeitsentwicklung und mathematische Grundkenntnisse Ausbildungsinhalte. Außerdem fand in diesem Jahr im KAIRÓS – Zentrum zum ersten Mal ein mehrwöchiger Kurs in Sachen Arbeitsgesetzgebung und gewerkschaftliche Organisation statt, an dem 40 Jugendliche und junge Erwachsene teilnahmen.

Auch außerhalb des Zentrums wurden die Ausbilder aktiv. Ein Grund- und ein Aufbaukurs fanden in anderen Teilen Pudahuels statt, außerdem ein „Spielzeug-Taller” zu Weihnachten für die Eltern des Kindergartens ,,lchuac” in der Kommune Peñalolen.

Wichtig war in diesem Jahr auch der Aufbau von Kontakten zu mittelständischen Unternehmen,um den  Praxisbezug der Ausbildung herzustellen.

Ein großer Einschnitt in die Arbeit der Jugendwerkstätten war im Jahr 1996 ein Teamwechsel, indem ein komplett neues Team die Jugendausbildung übernahm und sich erst einmal in den Sektor einarbeiten und Vertrauen bei den Jugendlichen schaffen musste. Eingestellt wurde in diesem Zusammenhang auch zum ersten Mal eine Psychologin, um den Bereich der persönlichen Entwicklung zu vertiefen.

Um mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen und um sie für das Ausbildungszentrum zu interessieren, wurden ihnen verschiedene  Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung wie Tischfussball, eine Tischtennisplatte, Gesellschaftsspiele und eine Comic ­Bibliothek zur Verfügung gestellt. Was den Ausbildungsplan angeht, wurde  Persönlichkeitsbildung integraler Teil der technischen Ausbildung. Hinzu kamen Unterrichtseinheiten zur Geschichte der Arbeiterbewegung, zum wirtschaftlichen System Chiles, zum Thema Gewerkschaften und Arbeitsrecht –  alles Kurse, die bis dahin freiwillig waren.

Vormittags wurden Schülerinnen und Schüler aus der benachbarten Schule parallel zu ihrem theoretischen Unterricht praktisch unterrichtet. Bei den Jugendlichen, die sich an diesen Kursen beteiligten, konnten im Laufe des Jahrs deutliche positive Verhaltensänderungen festgestellt werden. Positiv war auch, dass sich zunehmend mehr Mädchen für die technische Ausbildung interessierten. So sollte künftig dieser schulbegleitende Unterricht von der Klassenstufe Sieben und Acht auch auf die Fünft- und Sechstklässler ausgedehnt werden

Die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen zu vertiefen, erwies sich als so wichtiges Thema, dass in den Sommerferien eine Sommerschule mit Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung angeboten wurde

Aufgrund der internen Umstrukturierung von KAIRÓS, des Rückgangs der finanziellen Mittel und der Ungewissheit, wie lange Kairos das Gelände der Jugendwerkstätten noch zur Verfügung stehen würde, da die Strasse verbreitert werden sollte, wurde schließlich im Jahr 1997 die schwierige Entscheidung getroffen, die Jugendwerkstätten von Pudahuel nach Renca umzusiedeln. Dieser Umzug wurde langfristig vorbereitet, so dass alle laufenden Kurse des Jahres abgeschlossen werden konnten und alle teilnehmenden Jugendlichen ihre Zertifikate bekamen. Ausgebildet wurde in Möbelschreinerei, Elektroinstallation und  Holzspielzeugherstellung. Außerdem bestand in den Unterrichtsstunden zur Persönlichkeitsbildung die Möglichkeit sich auszutauschen, über die eigenen Freuden und Sorgen zu berichten, mit sich selber ins Reine zu kommen. Parallel zur technischen Ausbildung wurden Freizeitaktivitäten angeboten.

Bis auf den Betonfußboden wurde dann in den Sommerferien das ganze aus Holz gebaute Zentrum in Pudahuel abgebaut, nach Renca transportiert und dort Stück für Stück wieder aufgebaut. Mit Freizeitaktivitäten wurden dann im Jahr 1998 die ersten Kontakte zu den Jugendlichen in Renca aufgebaut. Neben der handwerklichen Ausbildung in Möbelschreinerei und Elektroinstallation wurden

Workshops in Wandbemalung, Theater und Fotografieren angeboten. Einen wichtigen Teil  der  Ausbildung  stellten auch die gemeinsamen Vespern zum Tagesabschluss dar, die Möglichkeit zu Austausch, Kennen lernen und Reflexionen boten.

Nachdem im Bereich der Jugendausbildung auch in Renca große Nachfrage bestand, wurde beschlossen, die Jugendwerkstätten neu aus Backstein und Beton zu bauen, um wirklich angemessene und sichere Ausbildungsräume zur Verfügung zu haben. Die Holzräumlichkeiten wurden  für die Schreinerarbeiten zu klein, die Staubentwicklung beeinträchtigte die Arbeit und zudem entsprachen Holzbauten für die Arbeit mit Maschinen nicht den betrieblichen Sicherheitsanforderungen.

Dieses Bauvorhaben, zusammen mit dem Bau eines Mehrzwecksaales für die Arbeit mit Frauen- und Basisorganisationen, konnte schließlich im Jahr 1999 mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit gebaut und am 27. August des gleichen Jahres eingeweiht werden.

Dieser Neubau, das heißt die moderne und angemessene Infrastruktur für handwerkliche Ausbildung, machte es in diesem Jahr auch zum ersten Mal möglich, dass SENCE, der Ausbildungsfonds, der KAIRÓS 1994 als Ausbildungsmechanismus  anerkannt  hatte zwei  Kurse, einen  in Möbelschreinerei und einen in Elektroinstallation, für jeweils 20 Jugendliche finanzierte.

Diese Zusammenarbeit mit dem staatlichen Fonds bedeutete für KAIRÓS eine große Erleichterung, was die finanziellen Sorgen des Projektes angeht, da die internationale Finanzierung für Jugendausbildung kontinuierlich abgenommen hat. Es bedeutete aber auch, dass KAIRÓS weniger Freiraum in der Durchführung der Kurse hatte und sich den SENCE-Vorgaben beugen musste. Das heißt, dass die Dauer der praktischen Ausbildung auf drei Monate verkürzt werden musste, was KAIRÓS als zu kurz erscheint, nicht nur um den Jugendlichen das handwerkliche Wissen und die Fertigkeiten beizubringen, sondern vor allem um Jugendliche, die seit Jahren in kein festes Ausbildungs- ­oder Arbeitssystem eingebunden waren, wieder an einen Arbeitsrhythmus, an die Rechte und Pflichten eines Arbeiters zu gewöhnen. Als sehr positiv erwies sich hingegen die dreimonatige Praktikumsphase, die sich an die Ausbildung anschließt. Hier lernen die Jugendlichen, ihr Wissen umzusetzen und lernen als ,,Azubis” vor allem die Schattenseiten des Arbeitsalltags und den recht rauen Umgangston auf dem Bau und in den Firmen kennen. Die Praktika erfordern aber auch viel Einsatz vom KAIRÓS – Team. Es ist nicht einfach für Jugendliche aus den Randkommunen,die normalerweise als Drogenabhängige und Kriminelle angesehen und diskriminiert werden, Praktikumsplätze zu finden, auch wenn diese die Unternehmen nichts kosten. Viele Unternehmer erklärten, sie würden lieber auf diese zusätzliche Arbeitskraft verzichten, als “sich Probleme in den Betrieb zu holen”. Viele Jugendlichen, die schließlich einen Praktikumsplatz gefunden haben, erschienen von einem Tag auf den anderen nicht mehr im Betrieb, so dass ständig jemand vom KAIRÓS-Team damit beschäftigt war, zu motivieren, Konflikte zu klären oder Hausbesuche zu machen.

Im Jahr 2000 wurden wiederum zwei Kurse von SENCE finanziert. Außerdem dehnte KAIROS seine Arbeit auf einen neuen Sektor in Renca aus, die ,,Maule”­Siedlung, einen der Schwerpunkte des Drogenkonsums und -handels. Hier realisierte  KAIRÓS  in  Zusammenarbeit mit dem staatlichen Drogenpräventionsfonds  CONACE  ein  Projekt  zur  Prävention  des Drogenkonsums von Kindern und Jugendlichen in diesem Viertel. Das Fehlen von sinnvollen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten ist eines der großen Probleme in diesen Vierteln, das zur Gründung von Jugendbanden, zu Kriminalität und Drogenkonsum führt. In den Armenvierteln ist der Drogenhandel für viele Familien die einzige Einkommensquelle und die Kinder und Jugendlichen wachsen somit in einem Umfeld auf, in dem Drogen zum Alltag gehören und leicht zu bekommen sind. Nach Schätzungen werden hier in jedem dritten Haus Drogen verkauft.

KAIRÓS hat den Jugendlichen deshalb Workshops in Perkussion und Gauklergruppen angeboten, außerdem verschiedene sportliche Aktivitäten, die von Norbert Friedrichs in seinem Sabbatjahr betreut wurden. Wichtig ist für die Jugendlichen in diesen Workshops, dass sie ernst genommen werden, dass sich jemand um sie kümmert, ihnen Angebote macht. Wesentlich ist zudem die Erfahrung, etwas Neues zu lernen, zu etwas fähig zu sein, was das Selbstbewusstsein steigert und dazu beiträgt, sich neue Dinge vorzunehmen, anstatt sich hängen zu lassen.

Einen neuen Ausbildungszweig, Schweißen und Metallkonstruktion, kann KAIRÓS seit diesem Jahr den Jugendlichen in Renca anbieten, nachdem die Europäische Union ein Projekt zur Beschaffung der notwendigen Werkzeuge und Maschinen bewilligt hat. So werden 20 Jugendliche in Metallkonstruktion ausgebildet, 20 weitere in Elektroinstallation. Auch die sportlichen Aktivitäten werden nach dem erfolgreichen Abschluss der Kurse von Norbert Friedrichs weitergeführt.

 

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